Ethik der Weltgesellschaft(II)

Familiales Individuum und Genese

Im Folgenden soll es um die familialen Basiskategorien Vater/Mutter, Sohn/Tochter, Bruder/Schwester und ihre Beziehungen zu einer Genese-Theorie gehen. Nachdem die gesamte Weltgesellschaft ihre nicht zu übertreffende ethische Reife erlangt haben wird (also eigentlich erst nach 2061), tritt eine familiale Ethik an die Stelle der Ethik der Weltgesellschaft. In der Genese-Tabelle (siehe “Genese”) wird diese Ethik in dem mittleren Feld dargestellt (Ontogenese der Ontogenese oder “das Wesen der Ethik”). Entstanden sind diese Kategorien natürlich innerhalb der Phylogenese, genauer während des Werdens der Logik durch die Herausbildung der sexuellen Fortpflanzung. Jeder Mensch ist als Individuum dann zumindest Sohn oder Tochter, vielleicht auch Vater oder Mutter und besitzt vielleicht Geschwister. Diese Kategorien werden  in der Soziogenese, genauer dem Wehen der Logik, näher ausgeformt und in ihrer gesellschaft – lichen Bedeutung bestimmt. Zum Beispiel wird das männliche Geschlecht indiziert; d.h. es ist eher an gesellschaftlichen Weichenstellungen beteiligt. Z.B. läßt sich die europäische Kultur noch bis weit ins 20. Jahrhundert als patriarchal charakterisieren. Diese Diagnose bedeutet keine Geringachtung der weiblichen Rolle, in der ja die push- und pull-Faktoren konzentriert sind. Pull: Männer werden dazu aufgerufen, ihre Verhaltensformen einer Selbstkontrolle zu unterwerfen, um überhaupt ans weibliche Geschlecht heranzukommen. Push: es gibt auch einen Konkur – renzkampf um die schönsten Exemplare, der auch dann nicht enden sollte und auf Statusfragen etc. in gesunder oder ungesunder Weise ausgedehnt werden kann, wenn man die Ringe getauscht haben würde.

Die Indizierung wird auch nur aus geschlechterkonkurrenztechnischen Gründen (push-pull-Verwirrung?) in Frage gestellt und damit nur zementiert, denn allein schon aus keimbiologischen Gesichtspunkten gibt es keine Wahlmöglichkeiten, da nur beim Manne die genetische Produktion von Fortpflanzungsmaterial kontinuierlich vonstatten geht. Im weiblichen Körper ist das genetische Material der Eizellen eigentlich schon vor der Geburt vorhanden (die erste Reifeteilung allerdings noch nicht abgeschlossen).  Die Indizierung ist nur aufgrund der phyletischen Zeit erforderlich: jeder Zeitabschnitt besitzt in der phyletischen Zeit eine eigene Uridentität, in welcher der Mensch in Einheit mit der ganzen Schöpfung existieren soll. Dieses ganze Universum wird durch die Indizierung mit einer Spermiumanzahl, oder abstrakt mit dem einen Spermium, der einen  konkreten Voraussetzung des kommenden Lebens,  gleichgesetzt. Demnach müsste die andere Voraussetzung, die weibliche Eizelle, sogar noch größer als das ganze Universum sein und erst wenn die Expansion des Universums beendet sein würde, wäre jene Größe quantitativ erreicht. Dann würde jedoch sogleich eine Trennung von Quantität und Qualität eintreten und auch diese Illusion wäre dem männlichen Prinzip genommen.

Diese Indizierung gibt es in China ebenso, aber China ist von einer puriarchalen Ordnung (nach lat. “puer” für Knabe)  geprägt und nicht von einer patriarchalen. Der Unterschied zur patriarchalen Ordnung ist leicht benennbar: der Fokus der familialen “Vater”-Figur liegt auf den nächsten Generationen (auch seine Nachkommen sollen wieder Nachkommen bekommen), der Knabe hat nur seine eigene Lebenszeit im Blick. Das männliche Kind stellt sich vor, wie sein Leben wohl aussehen mag und muss diese Vorstellung durchhalten und als “Wunsch” inkorporieren, wenn es überhaupt einmal das Glück voll ausschöpfen will. Es setzt seine ganze Fantasie ein, um sich als denjenigen zu imaginieren, der das Leben meistert und alles Wünschbare anhäuft und in Harmonie mit den ihn umgebenden Verhältnissen lebt. Seine innersten Gefühle sind dabei keinen Einschränkungen unterworfen und was der Körper nicht selbst vermag, erledigen technologische Mittel für ihn, auch wenn diese zur Zeit noch gar nicht erfunden sind. Genaugenommen spielen in der puriarchalischen Ordnung zwei Aspekte eine gleichwertige Rolle: die gehorsame Seite des männlichen Kindes und seine unbändige , wilde Seite. Nach der ersten wird es als Knabe bezeichnet und muss  – die Gehorsamkeit vorausgesetzt – unterrichtet werden, nach der zweiten wird es als Junge bezeichnet und darf walten und sein eigenes Universum gestalten.In China gibt es die Religion des Konfuzianismus, der sich um die Unterrichtung und das geordnete , an den Traditionen ausgerichtete Leben kümmert, und die Volksreligion des Taoismus, dessen Interesse in der Bündelung der Energien und der Erkenntnis des Wesentlichen liegt.

Das chinesische Puriarchat lässt sich u.a. an zwei Beispielen veranschaulichen: der Figur des Zheng He (1371-1433 oder 1435) und dem ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi (259 v.Chr. – 210 v.Chr.). Zheng He steht für die nicht genutzte Möglichkeit der territorialen Expansion der chinesischen Zivilisation, in der eben nicht (individuell) über eine Lebenszeit hinausgeblickt wurde, sonst (pure Hypothese!)hätte wahrscheinlich an einer solchen ein Interesse bestanden. Stattdessen beauftragte man einen Eunuchen, dessen einzigartiges Genmaterial nur dieses eine Leben in körperlicher Form den Erdball erfreuen und den Himmel spüren wird, mit Expeditionen in den Pazifik und in den  indischen Ozean. Zudem wurde dieses weiteste Ausgreifen der chinesischen Kultur noch nicht einmal von einem Seefahrer konfuzianischer , sondern muslimischer Herkunft durchgeführt. Da der individuelle Zeithorizont  des ersten Kaisers Quin Shihuangdi auch  (aber nur kulturell) von seiner eigenen abgelaufenen Lebensuhr gesetzt wurde, wollte er sich keine Quin-Shihuangdilose Zukunft vorstellen, die nicht seiner Lebenserfahrung entsprach. Er verewigte Letztere deshalb in einer monumentalen Grabanlage (Terrakotta-Armee etc.), die “sein” China darstellen sollte. Für immer?  Eigentlich kann aber das Geben von Beispielen nur von heuristischem Interesse sein, weil in der Logik-Phase die Puriarchalität die gesamte chinesische Zivilisation genauso durchdringt wie die Patriarchalität die europäische Kultur . Diese Kulturen werden durch diese Prinzipien in gewisser Weise definiert, sodass fast von telischen Prinzipien gesprochen werden kann. Neben der chinesischen Kultur sind auch die indische, die japanische und die slawische Kultur puriarchal geprägt.

Aber: in der Ethik der Weltgesellschaft stellt sich das Matriarchat gleichberechtigt an die Seite des Patriarchats und das Puellarchat (von lat. “puella” für Mädchen) an die Seite des Puriarchats, denn mit dem Ende der Ausdifferenzierung der Soziogenese, also der Soziogenese der Phylogenese, ist die Indizierung ihrem natürlichen Ende entgegengegangen und damit auch die parallele Bevorzugung des Weibes aufgrund seiner push- und pull-Faktoren.

Doch es fehlt noch das afrikanische Fratriarchat(von lat. “frater” für Bruder). Dass sich Afro-Amerikaner häufig mit “Bruder”  anreden, ist wohl nicht nur ein Zeichen der Solidaritätsbekundung innerhalb einer Minderheit. Der Bruder hat nun überhaupt keinen deutlichen Zeithorizont in der Zukunft, so mental “erschöpfend” nimmt ihn die geschwisterliche Interaktion in Beschlag. Der Zeithorizont des Bruders erstreckt sich nur bis zum Moment. Man kann sagen , dass alle Brüder zusammen an der Zeitbarriere verzweifeln, weil die geschwisterliche Beziehung sowohl eine Einschränkung als auch eine Erweiterung bedeutet. Für den Bruder wurde die Abweichung erfunden, ohne die das Gleiche unerträglich oft geschieht, so als ob das, was ganz natürlich ist, die Verschiedenheit, in die er hineingeboren wurde (ex-ante oder ex-post), seine eigene mutige Erfindung wäre. In der Ethik gesellt sich dann das Soruarchat (von lat. “soror” für Schwester) gleichberechtigt neben das Fratriarchat.

Alle diese Erscheinungsformen erhalten durch die Ethik eine bestimmtere Bedeutung. Patriarchat, Puriarchat und Fratriarchat sind identisch mit jeweils einer sozialen Reproduktionsform und Matriarchat, Puellarchat und Soruarchat mit jeweils einer sozialen Differenzierungs – form (inwiefern hier keine vollständige Identität vorliegt, muss später bestimmt werden). Wie an anderen Stellen schon erläutert, gibt es  drei Soziogenese-Phasen, zu denen jeweils eine Reproduktionsform und eine Differenzierungsform gehört. Sie sind jeweils aufeinander bezogen. Die segmentäre Reproduktion ist die Sprache, über die die Mitglieder einer Gemeinschaft sich unmittelbar verständigen können und  so die segmentäre Einheit reproduzieren. Die entsprechende segmentäre Differenzierung ist der Wille, der mittels der Sprache ausgedrückt werden kann und ohne den die Sprache auch nur ein totes Ding wäre; denn es würde ohne ihn keine Information transportiert werden. Information verstehe ich in diesem Zusammenhang wie Gregory Bateson (1904-1980): sie ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Z.B. kann man der Informationsflut der täglichen Nachrichten desinteressiert gegenüberstehen, weil sich in ihnen nichts Neues kundtut. Demnach wird trotz der Datenfülle keine Information transportiert, denn das Maß für Letztere ist der Empfänger und auch wenn z.B. in den Berichten über politische Diskussionen   der Wille von politischen Entscheidungsträgern oder derjenige des Volkes im Vordergrund steht, kann es sich doch um das ewig Gleiche handeln. Das ist natürlich auch eine Information, aber nur eine, eine Information der Information.

Das Entscheidende ist nun , dass der Geist des Patriarchats beim Übergang von der Logik zur Ethik aus der konkreten Kultur der europäischen Menschen in das Abstraktum der segmentären Reproduktion fährt, sodass das Patriarchat in der Sprache begründet liegt und nicht umgekehrt. Das durch das Patriarchat durchgesetzte Matriarchat (man kann es so sehen!) liegt nun dementsprechend in der segmentären Differenzierung, also dem Willen begründet. Die “StudentInnen” -Sprachumformungen würden somit den Mann in den Grenzen seines Territoriums betrügen, auf dem er ererbte Rechte besitzt.  Was gibt das weibliche Geschlecht dafür auf seinem Territorium des Willens preis? Weniger als nichts, sondern diese Ansinnen sind plumpe Übergriffe von dem Willensterritorium auf das Sprachterritorium. Diese Bestrebungen können auch nicht ernst gemeint sein, da sie jeder Perspektive einer konsequenten Durchführung entbehren, oder wann treffen wir uns bei “der” und nicht bei “dem” Haus gegenüber. Die wahren Probleme sind natürlich nicht so oberflächlicher Natur.Sprache und Wille stellen in gewisser Weise nur die Schienen dar, auf denen sich die Züge des Patriarchats und Matriarchats fortbewegen. Der Startpunkt ist immer die Komplexität, der Endpunkt die Simplexität und das Resultat der Fortbewegung ist die Perplexität. Letztere ist dann sozusagen das Eigentliche (die Eindrücke, die Momente etc.), das man von der Fahrt mitnimmt, denn die Beziehung zwischen Komplexität und Simplexität ist in der Ethik disjunktiver Natur.

Dieses Heraus- und-Hinein-Fahren des Geistes bedeutet nun natürlich keine Enteignung der jeweiligen Kultur (in diesem Beispiel der europäischen), sondern der Mensch muss, um seinem kulturellen Erbe gerecht  zu werden, zu dessen Verallgemeinerung jetzt den höchstmöglichen Standard akzeptieren, da der Übergang von der Logik zur Ethik meint, dass die Komplexität nun nicht mehr gesteigert werden kann, sondern nur zur Simplexität hin in die Einfachheit der Dreiecks-Fraktalität zerfällt. Dass die europäische Kultur nun patriarchal/matriarchal  geprägt ist, kann dabei fast zur Bedeutungslosigkeit geraten. Es ist wahr und eine wesentliche Bestimmung, aber in das Konzert aller Bestimmungen eingereiht, aus dem sich die Stimmen erheben. Die Musik ist das Wesentliche und nicht das Orchester.

Die funktionale Reproduktion ist der Tausch und in ihm liegt das Puriarchat begründet und in der funktionalen Differenzierung (dem Ding) das Puellarchat. Der Tausch und das Ding sind wieder natürlicherweise aufeinander bezogen, da ohne das Ding der Tausch ebenfalls nur eine tote Angelegenheit bedeutet. Das Fratriarchat ist identisch mit der virtuellen Reproduktion (dem Weg) und das Soruarchat mit der virtuellen Differenzierung ( dem Ziel). Wiederum ist der Weg ohne Ziel eine Geschichte ohne Leben. Schon die  Metapher von Zug und Schiene und die einseitige Begründetheit zeigen an, dass hier nur zur einen Seite jeweils eine Identität von Reproduktions-/Differenzierungsform und der “Herrschaft” der jeweiligen familialen Individualität besteht. Diese Identität existiert in Bezug auf die allgemeine räumliche Bestimmtheit (z.B. Globalität) und nicht in Bezug auf die allgemeine zeitliche Bestimmtheit (z.B. Komplexität). Dort fallen sie zusammen und hier auseinander.

Nun sollen die Beziehungen der familialen Individualitäten zueinander und gleichzeitig deren Bezüge auf die Genese-Phasen am Beispiel des Patriarchats geometrisch veranschaulicht werden. Es wird hier nur die männliche Linie betrachtet. Die Grundfigur des Vaters und die anderen beiden Figuren (Knabe, Bruder) werden jeweils in drei Komponenten aufgelöst. Das Grundsymbol ist der Kreis, in dessen Mittelpunkt beim Patriarchat die Gewalt steht. Das Wegbewegen von diesem Mittelpunkt zum Kreis hin ist gerade die Zeugung, sodass sich subjektiv für den Vater jeder Kreispunkt in der weitesten Entfernung von der Gewalt befindet. Was der Vater ist, wird durch den Kreis definiert, dessen Mittelpunkt für ihn nur als Abstraktum, als Konstruktionsnotwendigkeit firmiert. Irgendein Ort auf diesem Kreis ist dann identisch mit der Logik , das Vorwärtsgehen in der Kreisbewegung mit der Ethik und der ganze Umlauf mit der Erotik. Der Knabe wird in diesem Modell mit einer Tangen – te gleichgesetzt, die an den Kreis gelegt wird. Der Berührungspunkt ist für den Vater notwendigerweise mit der Logik identisch. Für den Sohn dagegen steht die Logik für irgendeinen Ort auf der Tangente, der vor diesem Berührungsort mit dem “Vater” liegt, an dem sich die beiden Bewegungen (jene auf dem Kreis und jene auf der Tangente) in ihrer Gleichgerichtetheit treffen. Die Erotik wird durch einen Ort auf der Tangente nach der Berührung und die Ethik durch die ganze Tangente inkl. dem Berührungsort versinnbild – licht. Der Bruder ist in diesem patriarchalischen Modell der Bruder dieses Knaben. Er ist auch ein Sohn dieses Vaters und seine Tangente besitzt auch einen Berührungsort mit dem Kreis. Die beiden Tangenten müssen also über einen Winkel und einen Schnittpunkt  (außer sie liegen parallel zueinander) miteinander in Verbindung stehen. Der Winkel steht für den Bruder für die Erotik, seine eigene Tangente ist die Logik und diejenige seines Bruders die Ethik. Die Erotik durchzieht also auch jenseits der eigentlichen Sexualität alle Beziehungen. Sie ist ein allgemeines Welt-Merkmal und mehr als das. Irgendwo muss die Aufgeladenheit von Welt, ihre innere Spannung ja herrühren. Da sie aufgeladen ist, bleibt es nicht aus, dass diese Aufgeladenheit auch in der Beziehung zwischen Geschwistern präsent ist. Inzest z.B. zwischen Schwester und Bruder läge nur vor, wenn nicht auch die Logik und die Ethik bestimmte Welt-Merkmale wären, die im patriarchalischen Modell in einer klaren Beziehung zueinander stehen und eine ebenso klare Beziehung zur Erotik besitzen wie diese zu jenen eine solche besitzt.